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Interviews

Scènes Magazine, June 2012

(Download as PDF)


SIMs Kultur, December 2007


“ORPHEUS” 5+6/2003

- “Jede Rolle immer wieder neu erobern”

Evelyne Zabelka sprach mit dem Sänger in einer Probenpause

Er kommt bei Presse und Publikum gleichermaßen gut an – der wandlungsfähige junge Bariton Davide Damiani. Er besticht einmal als gefährlich erotischer Almaviva in Mozarts „Le Nozze di Figaro“, dann als imponierender Graf von Toulouse („Jérusalem“ ), als animalischer Don Giovanni oder als ausdrucksvoller Ford. Der italienische Bariton startete seine Karriere als Don Giovanni in Tel Aviv und war schon bald gefragter Gast an den verschiedensten internationalen Opernhäusern wie Neapel, Palermo, Berlin, Toronto oder dem Wexford Opera Festival.

Sie haben sich der Musikwelt von den verschiedensten Richtungen genähert – zunächst Kontrabass, dann auch noch Komposition und Dirigieren studiert. Wann fiel die Entscheidung, sich doch auf den Gesang zu konzentrieren?

Die Entscheidung, doch zu singen, kam erst, als ich alle drei anderen Studien abgeschlossen hatte, denn Singen habe ich eigentlich nur gelernt, weil ich dachte, es könne mir beim Dirigieren helfen – helfen, Sänger besser zu verstehen und zu unterstüzen. Als ich aber dann in Wien bei Hilde Zadek begonnen habe, Gesang zu studieren, wurde er immer wichtiger für mich. Nach und nach hat sich mein Interesse in diese Richtung verlagert, bis es nur noch eine Frage der Zeit war, dass die Bühne siegen würde.

Wie kommt man von Pesaro nach Wien zu Hilde Zadek? Gab es in Italien, dem Land der Musik, keine Lehrer nach Ihrem Geschmack?

Ganz so krass würde ich das nicht ausdrücken, denn ich hatte immer schon vorgehabt, irgendwann einmal in Wien zu studieren. Für mich war und ist das die Stadt der Musik. Da atmet jedes Gebäude Geschichte, und so habe ich mich einfach schlau gemacht, wie und wo ich am besten meine Studien fortsetzen könnte, und an der dortigen Akademie Dirigieren studiert. Mein damaliger Lehrer hat eines Tages zu mir gesagt „Wenn du wirklich ernsthaft Singen lernen willst, dann weiß ich nur eine Lehrerin für dich: Hilde Zadek. Sie ist die beste“. Und so habe ich mich ihr vorgestellt. Sie hat mich angenommen, und mein Dirigierlehrer hat recht gehalten. Nach zwei Jahren mit Hilde Zadek war ich bereit, meine erste Oper zu singen: „Don Giovanni“, und bald darauf kam der Graf in Mozarts „Nozze“ dazu.

Das war aber ein ganz besonderer Glücksfall, denn es gibt nicht viele Sänger, die auf Anhieb das Glück hatten, einen guten Gesangslehrer zu finden.

Das ist wahr. Hilde Zadek ist eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie kehrt nie die große Lehrerin hervor, die sie ja zweifellos ist, motiviert ihre Schüler durch ihre unglaubliche Energie, mit der sie an die Arbeit geht. Auch ich habe das gespürt und mich davon anstecken lassen. Sie wiederum war immer ganz erstaunt gewesen, dass ein Italiener nach Wien gekommen war, um hier italienisches Repertoire zu studieren. Normalerweise ist es eher umgekehrt. Aber der Erfolg gab mir recht, und für mich war meine Studienzeit in Wien eine der schönsten meines bisherigen Lebens.

Ihre Debüts haben Sie aber in Israel absolviert.

1993 ging ich nach Israel, habe dort bei Tamar Rachum, einer Schülerin von Hilde Zadek, studiert und meine ersten Schritte auf einer Opernbühne gemacht. Danach hatte ich mein erstes richtiges Engagement am Stadtstheater von St. Gallen.

Viele Karrieren haben in Israel begonnen. Das muss ein fruchtbarer Boden für junge Künstler sein.

Das ist wahr. In Israel fühlen sich junge Sänger geliebt und gefördert. Und indem viele ausländische Musikstudenten ins Land kommen, wird auch den dortigen Studenten, die oft unter den schwierigsten Bedingungen arbeiten, ein Blick über die Grenzen gewährt. Das tut denen auch gut, denn so werden sie mit den verschiedensten Mentalitäten, Stilrichtungen und Schulen konfrontiert, ohne selbst außer Landes reisen zu müssen, was sich die meisten ja nicht leisten können. Dass dieses Konzept aufzugehen scheint, sieht man daran, dass in den letzten Jahren immer mehr israelische Sänger nach Abschluss ihrer Ausbildung nach Europa kommen und hier Karriere machen. Ich muss heute wirklich sagen, dass diese Zeit in Israel der Grundstock meiner Karriere gewesen ist. Dort habe ich zum Beispiel den Giovanni erarbeitet, den ich später so oft singen sollte.

Der Giovanni ist nicht die übliche Anfängerpartie. Auch danach haben Sie eigentlich immer gleich große Partien gesungen.

Das stimmt. Ich habe mir für jede Partie immer sehr viel Zeit genommen und genau ausgesucht, was ich schon singen kann und was nicht. Ich habe es auch vermieden, zu große Sprünge zu machen
-beispielsweise sofort Verdi zu singen. Das hätte meiner Stimme zu Beginn sicherlich geschadet.
Ich hingegen habe mit Mozart begonnen und bin lange bei diesem Repertoire geblieben, denn ich habe genau gespürt, dass es mich vorangebracht hat. Hätte ich mit Verdi begonnen, wäre ich heute schon bei Wagner gelandet und wahrscheinlich bereits stimmlos. Ich habe mich in kleinen Etappen ganz vorsichtig von Rolle zu Rolle vorgearbeitet und kann heute sagen, dass mir der Erfolg recht gibt.Jeder Sänger muss da seinen eigenen Weg gehen. Der eine beginnt mit Verdi und überlebt es. Von den vielen, die dabei auf der Strecke bleiben, hört man ja nichts mehr. Sie gehen als unbekannte Opfer unter. Mir hat ein sehr kluger Mann zu Beginn meiner Karriere einmal gesagt, dass es nicht darauf ankommt, wo und womit man seine Karriere beginnt, aber wo und womit man sie beendet.

Und nach wievielen Jahren……

Genau. Ich bin sehr glücklich, dass ich meine erste Erfahrungen in Ruhe in Israel gemacht habe. Nach diesem Jahr war ich dann schon bereit für Europa und habe in St. Gallen Partien wie Giovanni, Harlekin oder Belcore gemacht. 1995 wurde ich dann schließlich an die Wiener Staatsoper engagiert und habe dort 24 Partien gesungen, so in „Jérusalem“, „Oedipe“, „Le Prophete“.

Ihr Werdegang hört sich so leicht an. Es ging ganz selbstverständlich voran. War es wirklich so?

Es war nicht so einfach, wie es sich jetzt anhört. Wenn man jung ist und den ersten Erfolg gehabt hat, dann wollen einen alle plötzlich ausprobieren und bieten einem alles Mögliche an. Zu diesem Zeitpunkt ist es relativ einfach, an den Häusern zu debütieren. Giovanni wollten sie mich beispielsweise für eine Belcantorolle, dann für Verdi. In dieser Phase läuft man Gefahr verheizt zu werden.

Da muss man dann die Stärke haben, Nein zu sagen.

Ja, denn Karriere macht man mit dem Wörtchen Nein. Man muss für sich selbst immer entscheiden, wann der richtige Moment für eine bestimmte Sache ist, und darf nicht zu enthusiastisch werden und zu allem Ja sagen. Oder Angst davor haben, dass einem jetzt die Chance seines Lebens entgeht, wenn man einmal Nein gesagt hat. In Wexford zum Beispiel habe ich in 16 Tage 12 Vorstellungen gesungen. „Rigoletto“ und „Il Giuramento“ von Mercadante und noch einen Liederabend. Das war physisch wie psychisch eine mörderische Sache, aber es war auch eine interessante Erfahrung zu sehen, dass ich auch solch extreme Bedingungen durchzustehen imstande bin.

Sie haben schon mit vielen großen Dirigenten gearbeitet. Gibt es eine Persönlichkeit, die Sie beeinflusst oder geprägt hat?

Ich glaube, dass es zu Zeiten Toscaninis leichter gewesen ist, auf junge Sänger Einfluss zu nehmen. Damals hat man Wochen, Monate, ja Jahre miteinander gearbeitet. Die Dirigenten haben die Sänger wirklich kennengelernt und umgekehrt. Heute erlaubt sich ein Dirigent eigentlich nur selten, einem Sänger etwas Grundsätzliches, über die Probenarbeit Hinausgehendes zu sagen. Schon gar nicht gesangstechnisch, denn wenn der Sänger eine Bemerkung missversteht und auf den falschen technischen Weg kommt, sind er, der Dirigent, und die ganze Produktion in Schwierigkeiten, und das will niemand riskieren. Eigentlich muss man alle Tricks und Kniffe für sich selbst entdecken.
Wer mich aber stimuliert und sehr beeindruckt hat, war Maestro Anton Guadagno. Mit him habe ich sehr gerne gearbeitet. Zuletzt sollte „Don Giovanni“ in Palm Beach auf unserem Programm stehen, aber davor ist der Maestro leider verstorben. Als ich von seinem Tod gehört habe, habe ich mich ganz leer gefühlt und wollte gar nicht daran denken, wer die Produktion nun übernehmen würde. Für mich war er noch ein Dirigent vom alten Schlag, durch und durch ein Handwerker, der mit Leib und Seele Dirigent war und die Sänger geliebt hat. Wir haben zusammen „Butterfly“ gemacht, und er hat mir die Türe zu einer Welt geöffnet, in die ich vorher noch nicht geschaut hatte. Eine großartige, edle Welt, in der ich sehr viel für die Zukunft gelernt habe.

Was ist im Moment Ihr bevorzugtes Repertoire?

Mozart wird mich niemals loslassen. Er tut der Stimme gut und auch der Seele. Speziell der Giovanni erinnert einen immer wieder daran, nicht nur Sänger zu sein, sondern überhaupt Musiker und vor allem Schauspieler.
So suche ich im Moment überhaupt Rollen, mit denen ich etwas ausdrücken kann. Das ist dann mehr als bloß singen, das gibt mir Befriedigung. Das Idealste ist, wenn man im Laufe einer Partie vergisst, daran zu denken, wie schwierig sie ist und wann die ein oder andere kritische Phrase auf einen zukommt. Man konzentriert sich auf die Partie insgesamt-vokal wie darstellerisch. Ebenso will ich nicht daran denken müssen, welche Rolle in meinem Repertoire nun schwieriger ist als die andere. Nach dem Motto: Was ist jetzt schwieriger? Don Giovanni oder Jago? Erstens muss das jeder für sich entscheiden, zweitens hängt das auch von der momentanen Verfassung ab, und drittens suche ich generell interessante Rollen, die ich jeden Abend aufs Neue erobern muss. Gelingt das und steht man als Sänger voll dahinter, merkt das auch das Publikum. Dann springt der sogenannte Funke über.

Kommen neue Partien auf Sie zu?

Der Balstrode in „Peter Grimes“ in Graz in der Regie von Stephen Lawless; Philippe Jordan leitet die Produktion. Dann kommt Jago; wir sprechen auch über Dr. Faust von Busoni, Escamillo, und dann sehen wir weiter. Ich würde auch sehr gerne wieder einmal einen Rigoletto singen, denn die Erfahrung von Wexford hat mich sehr beflügelt. Ich habe da auch sehr an der Rolle gearbeitet und viel Neues entdeckt, und das würde ich jetzt gerne weiterführen.