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“ORPHEUS” 5+6/2003
- “Jede
Rolle immer wieder neu erobern” Evelyne
Zabelka sprach mit dem Sänger in einer Probenpause
Er kommt bei Presse und Publikum gleichermaßen gut an – der
wandlungsfähige junge Bariton Davide Damiani. Er besticht
einmal als gefährlich erotischer Almaviva in Mozarts „Le
Nozze di Figaro“, dann als imponierender Graf von Toulouse
(„Jérusalem“ ), als animalischer Don Giovanni
oder als ausdrucksvoller Ford. Der italienische Bariton startete
seine Karriere als Don Giovanni in Tel Aviv und war schon bald
gefragter Gast an den verschiedensten internationalen Opernhäusern
wie Neapel, Palermo, Berlin, Toronto oder dem Wexford Opera
Festival.
Sie haben sich der Musikwelt von
den verschiedensten Richtungen genähert – zunächst
Kontrabass, dann auch noch Komposition und Dirigieren studiert.
Wann fiel die Entscheidung,
sich doch auf den Gesang zu konzentrieren?
Die Entscheidung, doch zu singen, kam erst, als ich alle drei
anderen Studien abgeschlossen hatte, denn Singen habe ich eigentlich
nur gelernt, weil ich dachte, es könne mir beim Dirigieren
helfen – helfen, Sänger besser zu verstehen und zu
unterstüzen. Als ich aber dann in Wien bei Hilde Zadek begonnen
habe, Gesang zu studieren, wurde er immer wichtiger für
mich. Nach und nach hat sich mein Interesse in diese Richtung
verlagert, bis es nur noch eine Frage der Zeit war, dass die
Bühne siegen würde. Wie kommt man von Pesaro nach Wien zu Hilde Zadek? Gab es in
Italien, dem Land der Musik, keine Lehrer nach Ihrem Geschmack?
Ganz so krass würde ich das nicht ausdrücken, denn
ich hatte immer schon vorgehabt, irgendwann einmal in Wien zu
studieren. Für mich war und ist das die Stadt der Musik.
Da atmet jedes Gebäude Geschichte, und so habe ich mich
einfach schlau gemacht, wie und wo ich am besten meine Studien
fortsetzen könnte, und an der dortigen Akademie Dirigieren
studiert. Mein damaliger Lehrer hat eines Tages zu mir gesagt „Wenn
du wirklich ernsthaft Singen lernen willst, dann weiß ich
nur eine Lehrerin für dich: Hilde Zadek. Sie ist die beste“.
Und so habe ich mich ihr vorgestellt. Sie hat mich angenommen,
und mein Dirigierlehrer hat recht gehalten. Nach zwei Jahren
mit Hilde Zadek war ich bereit, meine erste Oper zu singen: „Don
Giovanni“, und bald darauf kam der Graf in Mozarts „Nozze“ dazu. Das
war aber ein ganz besonderer Glücksfall, denn es gibt
nicht viele Sänger, die auf Anhieb das Glück hatten,
einen guten Gesangslehrer zu finden.
Das ist wahr. Hilde Zadek ist eine ganz außergewöhnliche
Persönlichkeit. Sie kehrt nie die große Lehrerin hervor,
die sie ja zweifellos ist, motiviert ihre Schüler durch
ihre unglaubliche Energie, mit der sie an die Arbeit geht. Auch
ich habe das gespürt und mich davon anstecken lassen. Sie
wiederum war immer ganz erstaunt gewesen, dass ein Italiener
nach Wien gekommen war, um hier italienisches Repertoire zu studieren.
Normalerweise ist es eher umgekehrt. Aber der Erfolg gab mir
recht, und für mich war meine Studienzeit in Wien eine der
schönsten meines bisherigen Lebens. Ihre
Debüts haben Sie aber in Israel absolviert.
1993 ging ich nach Israel, habe dort bei Tamar Rachum, einer
Schülerin von Hilde Zadek, studiert und meine ersten Schritte
auf einer Opernbühne gemacht. Danach hatte ich mein erstes
richtiges Engagement am Stadtstheater von St. Gallen. Viele
Karrieren haben in Israel begonnen. Das muss ein fruchtbarer
Boden für junge Künstler sein.
Das ist wahr. In Israel fühlen sich junge Sänger
geliebt und gefördert. Und indem viele ausländische
Musikstudenten ins Land kommen, wird auch den dortigen Studenten,
die oft unter den schwierigsten Bedingungen arbeiten, ein Blick über
die Grenzen gewährt. Das tut denen auch gut, denn so werden
sie mit den verschiedensten Mentalitäten, Stilrichtungen
und Schulen konfrontiert, ohne selbst außer Landes reisen
zu müssen, was sich die meisten ja nicht leisten können.
Dass dieses Konzept aufzugehen scheint, sieht man daran, dass
in den letzten Jahren immer mehr israelische Sänger nach
Abschluss ihrer Ausbildung nach Europa kommen und hier Karriere
machen. Ich muss heute wirklich sagen, dass diese Zeit in Israel
der Grundstock meiner Karriere gewesen ist. Dort habe ich zum
Beispiel den Giovanni erarbeitet, den ich später so oft
singen sollte. Der
Giovanni ist nicht die übliche Anfängerpartie.
Auch danach haben Sie eigentlich immer gleich große Partien
gesungen.
Das stimmt. Ich habe mir für jede Partie immer sehr viel
Zeit genommen und genau ausgesucht, was ich schon singen kann
und was nicht. Ich habe es auch vermieden, zu große Sprünge
zu machen
-beispielsweise sofort Verdi zu singen. Das hätte
meiner Stimme zu Beginn sicherlich geschadet.
Ich hingegen habe
mit Mozart begonnen und bin lange bei diesem Repertoire geblieben,
denn ich habe genau gespürt, dass
es mich vorangebracht hat. Hätte ich mit Verdi begonnen,
wäre ich heute schon bei Wagner gelandet und wahrscheinlich
bereits stimmlos. Ich habe mich in kleinen Etappen ganz vorsichtig
von Rolle zu Rolle vorgearbeitet und kann heute sagen, dass
mir der Erfolg recht gibt.Jeder Sänger muss da seinen eigenen Weg gehen. Der eine
beginnt mit Verdi und überlebt es. Von den vielen, die dabei
auf der Strecke bleiben, hört man ja nichts mehr. Sie
gehen als unbekannte Opfer unter. Mir hat ein sehr kluger Mann
zu Beginn
meiner Karriere einmal gesagt, dass es nicht darauf ankommt,
wo und womit man seine Karriere beginnt, aber wo und womit
man sie beendet.
Und nach wievielen Jahren......
Genau. Ich bin sehr glücklich, dass ich meine erste Erfahrungen
in Ruhe in Israel gemacht habe. Nach diesem Jahr war ich dann
schon bereit für Europa und habe in St. Gallen Partien wie
Giovanni, Harlekin oder Belcore gemacht. 1995 wurde ich dann
schließlich an die Wiener Staatsoper engagiert und habe
dort 24 Partien gesungen, so in „Jérusalem“, „Oedipe“, „Le
Prophete“. Ihr
Werdegang hört sich so leicht an. Es ging ganz selbstverständlich
voran. War es wirklich so?
Es war nicht so einfach, wie es sich jetzt anhört. Wenn
man jung ist und den ersten Erfolg gehabt hat, dann wollen einen
alle plötzlich ausprobieren und bieten einem alles Mögliche
an. Zu diesem Zeitpunkt ist es relativ einfach, an den Häusern
zu debütieren. Giovanni wollten sie mich beispielsweise
für eine Belcantorolle, dann für Verdi. In dieser Phase
läuft man Gefahr verheizt zu werden. Da
muss man dann die Stärke haben, Nein zu sagen.
Ja, denn Karriere macht man mit dem Wörtchen Nein. Man
muss für sich selbst immer entscheiden, wann der richtige
Moment für eine bestimmte Sache ist, und darf nicht zu enthusiastisch
werden und zu allem Ja sagen. Oder Angst davor haben, dass einem
jetzt die Chance seines Lebens entgeht, wenn man einmal Nein
gesagt hat. In Wexford zum Beispiel habe ich in 16 Tage 12 Vorstellungen
gesungen. „Rigoletto“ und „Il Giuramento“ von
Mercadante und noch einen Liederabend. Das war physisch wie psychisch
eine mörderische Sache, aber es war auch eine interessante
Erfahrung zu sehen, dass ich auch solch extreme Bedingungen durchzustehen
imstande bin. Sie
haben schon mit vielen großen Dirigenten gearbeitet.
Gibt es eine Persönlichkeit, die Sie beeinflusst oder geprägt
hat?
Ich glaube, dass es zu Zeiten Toscaninis leichter gewesen ist,
auf junge Sänger Einfluss zu nehmen. Damals hat man Wochen,
Monate, ja Jahre miteinander gearbeitet. Die Dirigenten haben
die Sänger wirklich kennengelernt und umgekehrt. Heute erlaubt
sich ein Dirigent eigentlich nur selten, einem Sänger etwas
Grundsätzliches, über die Probenarbeit Hinausgehendes
zu sagen. Schon gar nicht gesangstechnisch, denn wenn der Sänger
eine Bemerkung missversteht und auf den falschen technischen
Weg kommt, sind er, der Dirigent, und die ganze Produktion in
Schwierigkeiten, und das will niemand riskieren. Eigentlich muss
man alle Tricks und Kniffe für sich selbst entdecken.
Wer
mich aber stimuliert und sehr beeindruckt hat, war Maestro
Anton Guadagno. Mit him habe ich sehr gerne gearbeitet. Zuletzt
sollte „Don Giovanni“ in Palm Beach auf unserem Programm
stehen, aber davor ist der Maestro leider verstorben. Als ich
von seinem Tod gehört habe, habe ich mich ganz leer gefühlt
und wollte gar nicht daran denken, wer die Produktion nun übernehmen
würde. Für mich war er noch ein Dirigent vom alten
Schlag, durch und durch ein Handwerker, der mit Leib und Seele
Dirigent war und die Sänger geliebt hat. Wir haben zusammen „Butterfly“ gemacht,
und er hat mir die Türe zu einer Welt geöffnet, in
die ich vorher noch nicht geschaut hatte. Eine großartige,
edle Welt, in der ich sehr viel für die Zukunft gelernt
habe.
Was ist im Moment Ihr bevorzugtes Repertoire?
Mozart wird mich niemals loslassen. Er tut der Stimme gut und
auch der Seele. Speziell der Giovanni erinnert einen immer wieder
daran, nicht nur Sänger zu sein, sondern überhaupt
Musiker und vor allem Schauspieler.
So suche ich im Moment überhaupt Rollen, mit denen ich
etwas ausdrücken kann. Das ist dann mehr als bloß singen,
das gibt mir Befriedigung. Das Idealste ist, wenn man im Laufe
einer Partie vergisst, daran zu denken, wie schwierig sie ist
und wann die ein oder andere kritische Phrase auf einen zukommt.
Man konzentriert sich auf die Partie insgesamt-vokal wie darstellerisch.
Ebenso will ich nicht daran denken müssen, welche Rolle
in meinem Repertoire nun schwieriger ist als die andere. Nach
dem Motto: Was ist jetzt schwieriger? Don Giovanni oder Jago?
Erstens muss das jeder für sich entscheiden, zweitens hängt
das auch von der momentanen Verfassung ab, und drittens suche
ich generell interessante Rollen, die ich jeden Abend aufs Neue
erobern muss. Gelingt das und steht man als Sänger voll
dahinter, merkt das auch das Publikum. Dann springt der sogenannte
Funke über.
Kommen neue Partien auf Sie zu?
Der Balstrode in „Peter Grimes“ in Graz in der
Regie von Stephen Lawless; Philippe Jordan leitet die Produktion.
Dann kommt Jago; wir sprechen auch über Dr. Faust von Busoni,
Escamillo, und dann sehen wir weiter. Ich würde auch sehr
gerne wieder einmal einen Rigoletto singen, denn die Erfahrung
von Wexford hat mich sehr beflügelt. Ich habe da auch sehr
an der Rolle gearbeitet und viel Neues entdeckt, und das würde
ich jetzt gerne weiterführen.
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